dilettantisch gut;
morgen.jetzt
morgen.jetzt
Ein besseres Übermorgen
morgen. aus Hamburg zeigen, wie Prototypen die Wahrnehmung beeinflussen und sich
dadurch die Grenzen ihrer Gestaltung ändern.
morgen. ist ein interdisziplinäres, von Frauen geführtes Studio, das sich mit Kultureinrichtungen, Welterverbesserer:innen oder Kommunen zusammenschließt, um Konzepte für ein besseres Übermorgen zu entwickeln.
Das Projekt begann schon während der Studienzeiten der Gründerinnen Martha Starke und Beate Kapfenberger an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Eine von Anfang an zentrale Frage und Motivation: Wofür möchte ich persönliche Kommunikation einsetzen? Und daraus folgend: Was kann man damit alles gestalten? In dem klassischen Agenturumfeld fühlten sich die beiden nicht wohl und überlegten stattdessen, ein Projekt anzustoßen, welches über klassisches Kommunikationsdesign hinausging.
Schon in ihrer Masterarbeit ging es um das Thema Social Design und die Vermittlung im Raum. Unter dem Titel Schau.Spiel.Platz entwickelten sie ein modulares Raumkonzept für die Zinnwerke im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, das in dem Leerstand eine neue Nutzung ermöglicht. Die Zusammenarbeit mit einem sozialen Beschäftigungsträger, der Langzeitarbeitslose und Geflüchtete in den Arbeitsmarkt integriert, beeinflusste den gestalterischen Prozess stark und regte die Kommunikation mit Anwohner:innen und Unterstützenden im und über den Raum an.
Professionell dilettantisch
Das Kernteam: Kulturanthropologie, Kommunikationsdesign, Architektur und spekulatives Design.
Wie bereits bei der Neugestaltung der Zinnwerke spielt das Arbeiten mit lokalen Ressourcen für das Studio eine zentrale Rolle. Oft haben ihre Projekte einen Bezug zu bereits vorhandenen Objekten, Räumen, alltäglichen Dingen, denen allgemein kein Zweck mehr zugeschrieben wird. Ihr Anspruch ist, Reste und Überbleibsel in etwas zu transformieren, das Räume eröffnet und Begegnungen schafft. Um dabei möglichst viel Handlungsspielraum zu behalten, haben sich Martha und ihre Kolleginnen breit aufgestellt: Kulturanthropologie, Architektur, Kommunikationsdesign und spekulatives Design bilden das Rüstzeug des Kernteams. Zusätzlich arbeiten sie immer auch mit unterschiedlichen Institutionen und externen Akteur:innen an ihren Projekten.
Ein spannendes Problem, das eine interessante Lösung verdient oder die Motivation, sich etwas Neuem zu stellen … Ihren Projekten widmet die Gruppe sich auch aus Eigeninteresse. Als »gute Dilettantinnen« denken sie immer darüber nach, ob das Problem nicht auch als Lösung verstanden werden kann und genießen es, an der Lösung einer Aufgabe in produktiver Kompliz:innenschaft zu tüfteln, an einem Strang zu ziehen und letztlich ihre Konzepte verwirklicht zu sehen.
Langfristige Provisorien
Warum Gespräche die Grundlage dafür sind, Widerstände abzubauen.
Anhand von zwei Projekten verdeutlicht sich die Bandbreite
der Gestaltung öffentlicher Räume, die das Studio umreißt. Für beide Vorhaben arbeitete morgen. mit (For-
schungs-)Institutionen und Behörden zusammen.
der Gestaltung öffentlicher Räume, die das Studio umreißt. Für beide Vorhaben arbeitete morgen. mit (For-
schungs-)Institutionen und Behörden zusammen.
Für die selbstinitiierte Arbeit Grünes Wasser überlegte sich das Team, wie man künstliche Wasserwege, wie zum Beispiel Kanäle, durch schwimmende Biotope zu Schutzräumen für Tiere und Pflanzen umwandeln kann. Die Idee der schwimmenden Inseln ist nicht neu. In der Regel werden sie jedoch auf Erdölbasis hergestellt. Um ihrem eigenen Anspruch an Nachhaltigkeit gerecht zu werden, musste eine neue Lösung her: Pilzmyzel – also die Zellen von Pilzen – sind das Herz des Ganzen und dienen als umweltverträgliche, schwimmende Alternative.
In Kiel wurde der postGarten entwickelt, der den Besucher:innen und Nachbar:innen des neuen Rathauses eine neue Grünfläche auf eigentlich versiegeltem Boden schafft. Die nötigen Materialien erntet das Team direkt in Kiel – kein Obst, sondern Ressourcen des ehemaligen Postareals, die so ein neues Leben erhalten. Aus alten Lüftungskanälen oder hölzernen Handläufen entsteht ein grüner Aufenthaltsort, der den Nicht-Ort zu einem Ort des Austausches transformiert.
Was sie mit ihren vielschichtigen Ansätzen schaffen, sind vor allem Impulse, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Häufig sind es Prototypen, die dem Stadtraum zu einer neuen Form der Betrachtung verhelfen und so auch die Möglichkeit bieten, dass Menschen etwas erproben, diskutieren und bewerten können. Nicht nur die Umsetzung ihrer Projekte zählt für morgen., sondern vor allem auch die Aufklärungsarbeit und der direkte Kontakt zu denen, die von ihren Initiativen profitieren können. Gespräche zu starten ist die Grundlage dafür, Widerstände abzubauen. Es ist jedoch ebenso wichtig, darauf zu achten, was die Bedürfnisse der Menschen tatsächlich sind.
Ganz nach dem Spruch »Das Provisorium hält am längsten« ist es nicht unüblich, dass eine für einen kurzen Zeitraum geplante Installation langfristig benutzt wird. Die ›Provisorien‹ werden aktiv von den Menschen verwendet und sie bauen eine Form der Verbundenheit zu ihnen auf. Provisorien leisten einen wichtigen Beitrag zu der Schnittstelle von Design und Aktionismus (und vor allem zur bewussten Veränderung des Gegebenen). Sie zeigen jetzt, wie das Morgen aussehen könnte.
Fotos: Beate Kapfenberger, Maischa Suaga, Martha Starke
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