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Wie funktioniert Design für Parteien?
Zwischen Websites und Wahlkampf
Das Erste Gespräch.
Nach zweieinhalb Stunden im Zug
und vierzig Minuten im Bus und stehe ich jetzt für einen Moment am Kanal. Die Blätter leuchten komplementär in strahlendem Gelb und Orange vor dem blauen Himmel und im Wasser streiten sich die Möwen um etwas, das eindeutig mal gelebt hat. Die romantische Szenerie gibt mir ein Gefühl von Verwegenheit, von Jugendlichkeit und Aufregung. Die Szenerie und das Gespräch, das ich in wenigen Minuten führen werde.
Ich bin hier, um mit Peter Rudolf von der Agentur Ponder zu sprechen. Ein dringend notwendiges Gespräch, sowohl für die Erarbeitung unseres Magazins, als auch für mich persönlich, denn ich weiß nicht wohin mit mir. Mein Studium ist fast abgeschlossen und trotzdem frage ich mich: ›Wie soll ich denn mit meiner Ausbildung bloß die Welt retten?‹ Auf der Suche nach Antworten haben wir sieben Agenturen von sieben Parteien geschrieben. Peter Rudolf war eine der Personen, die uns geantwortet haben: »Liebe Luna, lieber Lars, danke für euer Interesse – sehr gerne sprechen wir mit euch! Das klingt nach einem tollen Projekt.«
Die Agentur, die er mit zwei weiteren Personen führt, heißt Ponder. Sie hat den Relaunch der Website der Grünen für den Europawahlkampf 2024 gestaltet. Ihre Ziele und Versprechen: »We ensure that your project meets business objectives and has a net-positive impact on the planet and the communities touched by it.« Eine interessante Herangehensweise, hier hat sich anscheinend jemand über Ideale Gedanken gemacht. Als ich am Büro ankomme, rufe ich Peter Rudolf an, denn ich finde keine Klingel und er kommt von dem zurückgesetzten Büro im Grünen über einen kleinen Gartenweg zum Tor, um aufzumachen. Mit einem Kaffee in den Händen setzen wir uns auf die Terrasse, um die letzten Sonnenstrahlen einzufangen und um über Politik zu sprechen.
»Wie soll ich mit
meiner ­Ausbildung bloß
die Welt retten?«
Im Kund:innenkontakt.
Der Kontakt zwischen der Agentur
und den Grünen ergab sich darüber, dass die drei Gründer:innen vorher schon zusammen bei Erik Spiekermann gearbeitet haben. Dort hatte Rudolf den vorherigen Relaunch der grünen.de Website geleitet. Direkt wird deutlich, dass die Zusammenarbeit mit der Partei sehr eng war, denn im ersten Schritt wurde in Workshops mit Mitglieder:innen bestimmt, welche Aufgaben die Website erfüllen sollte. Schon hier zeigt sich, dass mit einer Partei zusammen zu arbeiten anders aussieht, als mit den üblichen Kund:innen einer Agentur. Die Website für eine Partei braucht viel strategische und konzeptionelle Vorarbeit, denn die Inhalte, die eine Partei präsentiert, sind »viel sensibler, als bei irgendeinem Unternehmen, weil es total politisch ist. Und natürlich auch ständig im Wandel: Je nachdem, was gerade politisch passiert, müssen sie [die Grünen] sich neu positionieren und reagieren.«
Etwas Ähnliches berichtet uns auch Theresa Gramckow. Sie arbeitet bei der Agentur brinkertlück creatives aus Hamburg, einer »Werbeagentur für gesellschaftliche Kommunikation, Sport und ökosoziale Transformation«. Man kann durchaus mehr, als nur eine Stärke haben … Auf ihrer Website schreiben sie deutlich: »Hier wird nicht für Leute, Konzerne und Vereine gearbeitet, die gegen das Grundgesetz verstoßen.« Wie schade, dass wir gesellschaftlich an einen Punkt gekommen sind, an dem Agenturen und Unternehmen das ›Bare Minimum‹ als Selling Point hervorheben. Mit Gramckow zoomen wir und fragen sie, ob sich die Arbeit für die SPD stark von ihrer sonstigen Arbeit unterscheide. Ihre Antwort: »Am Ende des Tages unterscheidet sich klassisches Tagesgeschäft [ … ] von einem Wahlkampf sehr, nicht zuletzt aufgrund der öffentlichen Wirkung und der harten Deadline: dem Wahltag. Jeden Tag passiert etwas und je näher der Wahltermin rückt, umso härter wird es.«
Auch Professor Erik Wankerl erzählt uns von seiner Zeit bei der Agentur Moskito: »Ich glaube grundsätzlich ist eine Partei als Auftraggeber etwas fundamental anderes als ein klassisches Unternehmen. In einer Partei gibt es zahlreiche Interessengruppen und Entscheidungsstrukturen, die berücksichtigt werden müssen. Gerade bei den Linken, die basisdemokratisch organisiert sind, existiert keine klassische hierarchische Führungs­ebene, die Entscheidungen zügig vorantreiben kann. Das heißt, dass Ent­schei­dungsprozesse und auch Meinungsbildung oft zeitintensiv sind.«
Hinter der Werbung.
Professor Wankerl gestaltete bei
der Agentur Moskito den Wahlkampf der Linken in Bremen sowie auf Bundesebene. Auf unsere Anfrage vermittelte uns die Agentur weiter an Wankerl, ihren damaligen Markenstrategen und Kreativdirektor, der den Auftrag akquiriert und konzeptionell begleitet hat. Im freundlichen Mailaustausch wirkt er sehr interessiert an unserem Magazin und gibt uns Tipps, was wir uns in Bremen ansehen können, wenn wir für das Interview schon mal da sind. Also mieten wir uns am 19. November für eine Nacht auf einem gemütlichen Hausboot ein. Das Wetter ist stürmisch, es ist kalt und gerade, als wir mit der Regio losfahren, beginnt es heftig zu schneien. So bekommt der Weg zu dem kleinen Café, in dem unser Gespräch stattfinden soll, den Anklang einer Entdeckungsreise. Dort angekommen sehen wir Prof. Wankerl in einer Ecke sitzend. Er lächelt uns freundlich fragend entgegen. Mein erster Eindruck ist, dass er viel Wert auf seine Wirkung legt.

Fotos: Luna Schreiber


Ein Dienst am Kunden.
Dass Prof. Wankerl auch sehr auf
seine Karriere achtet, wird im Gespräch deutlich und ich kann mich nicht zurückhalten zu fragen, ob er denn viel in der Corporate-Design-Welt unterwegs sei. »Ja, das bin ich. Der Kern meiner Arbeit ist Identität vermitteln. [ … ] Es geht immer um die Frage: Wie übermittelt man eine Botschaft?« antwortet er mir. Da er die Wahlwerbung für die Linken gemacht hat, kommt mir das eher ungewöhnlich vor.
In meinem Bild der Corporate-Design-Welt ist es eher die Ausnahme, dass Unternehmen dieselben Werte vertreten wie die Linke. Diese tritt doch eher wachstums- und kapitalismuskritisch auf, aber Prof. Wankerl sieht das pragmatisch: »Wenn der Idealist in mir spricht, lehne ich den Wachstumsgedanken, der mit dem Kapitalismus einhergeht, ab, aber ich bin natürlich auch Realist, gerade als Geschäftsführer. Junge Designer:innen kommen oft idealistisch von den Hochschulen und streben nach persönlichem Ausdruck durch ihre Arbeit. Sie müssen jedoch lernen, dass Design in erster Linie ein Dienst am Kunden ist.«
Drei Agenturen haben wir zwar kontaktiert, aber auch auf eine erneute Nachfrage keine Antwort erhalten. Wie sie ihren Dienst am Kunden selbst beschreiben – und wie weit dieser zum Teil gehen kann – habe ich mir trotzdem angeschaut.
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